Sexsucht

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Alex Comfort
 

Die bedeutendste negative Leistung des Christentums war die 'Problematisierung' der Sexualität. … Wir brauchen eine Geisteshaltung, die in der Sexualität kein 'Problem', sondern ein 'Vergnügen' sieht. Den meisten Leuten fehlt dazu die Sicherheit – und oft auch die Liebe.

Sexsucht (Hypersexualität)

 

 

 

Allgemeines

Frauen, die ihre Sexualität offen ausleben und offensiv bei der Partnerwahl die Initiative ergreifen, werden – in Anlehnung an Nymphen, die weiblichen Naturgeister der Griechischen Mythologie – oft als Nymphomaninnen oder nymphoman bezeichnet. Handelt es sich bei dem Betroffenen hingegen um einen Mann, spricht von einem Don-Juan-Komplex, einem Casanova oder Satyriasis.

Der alltagssprachliche Gebrauch dieser Begriffe ist oft leichtfertig und nicht selten sogar falsch. Denn eine offen gelebte Sexualität ist nicht gleichbedeutend ist mit Sexsucht (Hypersexualität), die ein behandlungsbedürftiges Krankheitsbild darstellt, das bei den Betroffenen oft großes Leiden hervorruft.

Ein süchtiges sexuelles Verhalten gehört, wie auch die Spielsucht oder die Internetsucht , zu den stoffungebundenen Süchten. Im Mittelpunkt dieser Störung steht ein übermäßiger, extrem gesteigerter Sexualtrieb. Die Sexualität nimmt in Gedanken und Verhalten große Teile des Alltags in Anspruch. Betroffene sind fortwährend auf der Suche nach sexueller Befriedigung, erleben aber meist keinen sexuellen Höhepunkt und können keine innere Bindung zu dem jeweiligen Partner aufbauen. Gerade diese unbefriedigenden sexuellen Erlebnisse veranlassen den Sexsüchtigen dazu, die Suche nach sexueller Erfüllung beständig fortzuführen.

Dabei zeigen sich typische Kennzeichen der Sucht: Das Interesse am Suchtobjekt wächst, es kommt zu Toleranzentwicklung, Dosissteigerung und psychischen Entzugssymptomen. Im Alltag findet eine zunehmende Einengung statt, bis dieser sich fast nur noch um das Ausleben der sexuellen Wünsche dreht.

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Definition

Sexsucht (Hypersexualität) ist durch eine zunehmende sexuelle Betätigung gekennzeichnet, bei der aber die Befriedigung meist ausbleibt und die Suche nach sexueller Erfüllung infolgedessen beständig fortgeführt wird. Dabei zeigen sich typische Kennzeichen der Sucht, wie Dosissteigerung und Toleranzentwicklung. Nach und nach wird Sexualität zum alles bestimmenden Lebensbereich.

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Häufigkeit

Schätzungen, wie verbreitet sexuell süchtiges Verhalten ist, gehen stark auseinander. Abhängig davon, wie Sexsucht (Hypersexualität) definiert wird, schwanken die Angaben zwischen einem und sechs Prozent in der erwachsenen Bevölkerung. Von Hypersexualität sind deutlich mehr Männer (ewta 75%) als Frauen (etwa 25%) betroffen.

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Ursachen

Die Ursachen von Sexsucht (Hypersexualität) werden in einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren vermutet.

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Familiäre Faktoren

Häufig finden sich bei Familienangehörigen von Sexsüchtigen ebenfalls unterschiedliche Abhängigkeiten wie Alkoholismus. Dies deutet darauf hin, dass eine genetische Veranlagung für süchtiges Verhalten vorliegt. Bei der sexuellen Betätigung werden im Gehirn Botenstoffe ausgeschüttet, die zu den körpereigenen Opiaten gehören und einen Erregungsanstieg sowie einen sofortigen Stimmungswechsel bewirken (Ängste undSchmerzen werden reduziert). Diese Wirkung wird noch gesteigert, wenn in der sexuellen Situation Angst und Risiko im Spiel sind. In diesem Sinn kann süchtiges sexuelles Verhalten auch als eine stoffgebundene Sucht verstanden werden: Der Betroffene wird von einer körpereigenen Substanz abhängig.

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Psychologische Faktoren

In den meisten Fällen von Sexsucht (Hypersexualität) waren die Betroffenen als Kind Opfer von Missbrauch – entweder in emotionaler, sexueller oder körperlicher Hinsicht. Als Folgen treten häufig ein starkes Schamgefühl auf sowie Selbstwertprobleme und das Gefühl, die eigene Persönlichkeit sei unvollständig.

Das Gefühl, die eigenen Probleme mit Sex lösen zu können, liegt häufig in der ersten sexuellen Erfahrung begründet. Viele Betroffene berichten von frühen sexuellen Erlebnissen, die als überwältigend intensiv erlebt wurden. In der Schilderung erinnert dies an den Kick, den Drogenabhängige bei ihren ersten Drogenerfahrungen beschreiben. Diese positive Ersterfahrung mit dem Suchtmittel wird immer wieder gesucht, um Unangenehmes zu vergessen. Die erlebte Intensität wird jedoch nicht mehr erreicht, sodass es zu fortwährender Wiederholung und Dosissteigerung kommt.

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Symptome

Charakteristisch für die Sexsucht (Hypersexualität) nehmen sexuelle Betätigungen fortwährend zu. Dabei lässt die Befriedigung nach und der Einfluss auf das übrige Leben nimmt stetig zu. Als typische Kennzeichen der Sexsucht gelten:

Die gedankliche Beschäftigung mit oder die Ausübung von Sexualität nimmt stetig zu, es kommt zur Dosissteigerung, da die sexuellen Aktivitäten zur Befriedigung nicht mehr ausreichen.

Das sexuelle Verhalten hat gravierende negative Folgen. So entstehen bei Sexsüchtigen oft schwere Partnerschaftsprobleme. Außerdem ist das Risiko, sich mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren, erhöht. Nicht zuletzt kommt es häufig zu finanziellen oder beruflichen Schwierigkeiten, da der Betroffene zunehmend mehr Zeit und Geld in seine Sucht investiert.

Es kommt bezüglich des sexuellen Verhaltens zum Kontrollverlust: Gerade aufgrund der negativen Folgen ihres Verhaltens bemühen sich Sexsüchtige immer wieder, die sexuellen Handlungen zu begrenzen. Diese Versuche scheitern meist, weil der Wunsch nach Befriedigung zu stark wird. Hier wird die Zwanghaftigkeit des sexsüchtigen Verhaltens deutlich, da es trotz des enormen Leidensdrucks nicht gelingt, das schädliche Verhalten zu unterlassen.

Im Umgang mit Schwierigkeiten und negativen Gefühlen werden sexuelle Zwangsvorstellungen und Fantasien als primäre Bewältigungsversuche eingesetzt. Das sexuelle Verhalten dient dazu, aufgestaute Emotionen auszuleben. Dies hat zunächst eine betäubende Wirkung. Lässt die Betäubung nach, folgen meist starke Schuldgefühle.

Sexualität wird zum alles bestimmenden Lebensbereich: Große Teile der Freizeit werden für sexuelle Betätigung beziehungsweise die Erholung davon verwendet. Das Verhalten ist derart auf sexuelle Befriedigung fokussiert, dass wichtige soziale oder berufliche Pflichten vernachlässigt werden.

Es gibt eine Reihe sexueller Vorlieben, die häufig im Zusammenhang mit Sexsucht auftreten. Dabei sind nicht die Handlungsweisen selbst mit sexuell süchtigem Verhalten gleichzusetzen. Als ausschlaggebendes Kriterium gilt, dass es bei Sexsucht im Zusammenhang mit diesen Praktiken zu einem Kontrollverlust kommt: Die Betroffenen spielen häufig die Rolle des Verführers, der so Macht über andere ausübt und Beziehungen zu verschiedenen oder wechselnden Sexualpartnern sucht. Meist zeigt sich eine Vorliebe für anonymen Sex. So werden gezielt Orte aufgesucht, die Möglichkeiten für Sexkontakte mit Unbekannten bieten, wie Parkanlagen, Swinger- oder Saunaclubs. Auch wird Sexualität oft als Ware gehandelt, das heißt die Betroffenen zahlen entweder für sexuelle Aktivitäten (Telefonsex, Bordelle) oder bieten selbst sexuelle Dienste gegen Geld an.

Neben diesen sexuellen Vorlieben kann es bei Sexsucht auch zu kriminellen Handlungen kommen: Viele Sexsüchtige zeigen voyeuristisches oder exhibitionistisches Verhalten. Auch können Zudringlichkeiten (z.B. das Berühren anderer ohne deren Erlaubnis), das Ausnutzen einer Machtposition oder Sex mit Kindern im Rahmen einer Sexsucht auftreten. Keinesfalls gilt Sexsucht als Entschuldigung für derartige Handlungen. Jeder Betroffene muss sich dieser Tatsache bewusst sein und sich verantworten.

Sexsucht tritt häufig gekoppelt mit anderen psychischen Störungen auf. Am häufigsten ist die Kombination von sexuell süchtigem Verhalten mit einer Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Viele Sexsüchtige leiden zudem an Essstörungen oderDepressionen.

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Therapie

Während es für die Behandlung von Sexsucht (Hypersexualität) in den USA Spezialkliniken gibt, wird ein spezifisches Therapiekonzept in Deutschland nur in Kliniken mit allgemeinen suchttherapeutischen Schwerpunkten angeboten. Auch in der ambulanten Praxis haben nur wenige Therapeuten Erfahrungen mit der Behandlung der Sexsucht. Liegt neben der Hypersexualität eine weitere psychische Störung vor, sollte diese ebenfalls behandelt werden. Im Fall von Alkoholismus oder Medikamentenabhängigkeit steht deren Therapie zunächst im Vordergrund. Am Anfang ist oft eine stationäre Behandlung notwendig. Da aber die Therapie der Sucht oft mehrere Jahre andauert, erfolgt die Nachbehandlung meist ambulant.

Als generelles Ziel bei der Behandlung von Sexsucht steht im Vordergrund, wieder zu erlernen, Intimität ohne Sexualität zu erleben und negative Gefühle zuzulassen, ohne sie mit Sex zu verdrängen. Am Anfang der meisten Therapien steht ein längeres Zölibat, während dessen keine sexuellen Handlungen mit sich oder anderen erlaubt sind. Die während dieser Zeit erlebten auftretenden extremen negativen Gefühle werden in der Gruppe mit anderen Betroffenen aufgearbeitet. Ziel ist es, dem Süchtigen die Möglichkeit zu geben, zunächst eine gesunde Beziehung zu sich selbst aufzubauen, da dies erst die Beziehung zu anderen und zur Sexualität ermöglicht. Die Behandlung der Sexsucht durchläuft verschiedene Phasen:

Am Beginn stehen psychologische Tests und die Erhebung der Lebens- und Krankengeschichte (Anamnese). Oft wird an dieser Stelle auch mit einer medikamentösen Behandlung begonnen. Durch den Einsatz bestimmter Antidepressiva können häufig nicht nur die oft begleitende depressive Symptomatik, sondern auch die sexuelle Getriebenheit vermindert werden.

Anschließend folgt eine Phase der Offenlegung, verbunden mit einem Rechenschaftsbericht. Der Betroffene beschreibt dabei sein sexuell süchtiges Verhalten und übernimmt die Verantwortung dafür.

In der Stufe der Rückfallprävention werden Verhaltensalternativen entwickelt. So werden in Übungen Möglichkeiten erarbeitet, anders mit negativen Gefühlen umzugehen. Der Betroffene lernt etwa, wieder neue soziale Kontakte aufzubauen oder wie er sich entspannen kann.

Ist es im Zusammenhang mit der Sexsucht zu Straftaten gekommen, folgt die Auseinandersetzung mit den Opfern dieser Taten. Dabei soll der Betroffene zunächst nachvollziehen, welche Auswirkungen seine Handlungen für das Opfer hatten. Später werden gegebenenfalls Möglichkeiten der Entschuldigung oder Wiedergutmachung entwickelt.

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Verlauf

Die Entwicklung der Sexsucht (Hypersexualität) verläuft in drei Stufen:

In der Prodromalphase zeigen sich als typische Frühsymptome der Sexsucht zwanghafte Selbstbefriedigung, ausufernde sexuelle Phantasien und ein übermäßiger Konsum von Pornographie. Kennzeichnend sind auch Sex mit wechselnden Partnern sowie Telefon- oder Cybersex. Häufig kommt es auch zu sadistischen oder masochistischen Sexualpraktiken. Betroffene haben häufig bestimmte Fetische.

In der kritischen Phase der Sexsucht kommt es vielfach zu sexuellen Handlungen in der Öffentlichkeit. Diese können sich auch in Form von Voyeurismus oderExhibitionismus äußern. Zunehmend kommt es zu sexuellen Übergriffen, etwa in Form von obszönen Anrufen oder sexueller Belästigung. Auch die Prostitution, ob als Freier oder Prostituierte, kann in dieser Phase der Sexsucht dienen.

In der chronischen Phase der Sexsucht hat eine so weitgehende Einengung auf sexuelle Befriedigung stattgefunden, dass es zu sexuellen Belästigungen oder Missbrauch von Abhängigen, also Kindern, Untergebenen, Personen unter Drogeneinfluss, Familienangehörigen und anderen, kommt.

Sexsucht wird meist erst spät erkannt, oft erst, wenn es zu Straftaten gekommen ist. Wie für Süchtige typisch, verleugnen die Betroffenen häufig ihre Probleme – oft aus Scham. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sexsüchtige ohne professionelle Hilfe aus der Sucht finden, ist gering, da die Fähigkeit, das süchtige Verhalten zu steuern, stetig abnimmt. Bei angemessener Therapie besteht aber eine günstige Prognose.

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Weitere Informationen

Selbsthilfegruppen / Beratungsstellen:
 
Deutschsprachige AS
76002 Karlsruhe
Postfach 1262
Telefon: +49-(0)-175-7925113
info@anonyme-sexsuechtige.de

 

Deutschsprachige S.L.A.A. e.V.
65003 Wiesbaden
Postfach 1352
Telefon: 0700/75227522
info@slaa.de
www.slaa.de
 
S-Anon – Angehörige von Sexsüchtigen
Faulenstr. 31
28195 Bremen
info@netzwerk-selbsthilfe.com
 
 
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