Psychosoziale Merkmale

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Dr. Gerhard Kocher
 

Letztes Jahr gelang es der Pharmaindustrie erstmals, mehr Krankheiten alsMedikamente zu erfinden.

 
 

 

Psychosoziale Aspekte

bei Medikamentenabhängigkeit

Anspruchshaltung

Arzneimittelwerbung

Einschneidende biographische Lebensereignisse (life-events)

Familiäre Häufung

Frauen-typische Ursachen

Freiverkauf in der Apotheke

Hersteller

Iatrogene Aspekte (ärztliche Ursachen) in Stichworten

Gegen-Argumente der betroffenen Ärzte

Indikations-Lyrik

Kinder, Jugendliche und Heranwachsende

 

Anspruchshaltung:

wachsende Ansprüche, was einen nebenwirkungsfreien Sofort-Therapieeffekt anbelangt, und zwar ohne eigene Mitarbeit wie Änderung der Lebensführung, Abbau von Stress, Verzicht auf Genussgifte u. a. Unwillig, den eigenen geringen Kenntnisstand aufzubessern, um aus eigener Kraft voranzukommen; fordernd bis bedrängend, was sofortige Rezeptierung, Wunsch-Medikation („dies und nichts anderes"), überlange Weiter-Rezeptierung (ständig neue Rezept-Wünsche ohne stichhaltige Begründung) usw. betrifft.

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Arzneimittelwerbung:

beängstigend wachsender Trend in den Printmedien (Zeitschriften, Zeitungen, Journale, Magazine) und im Fernsehen, weniger ausgeprägt im Hörfunk; psychologisch raffiniert dargeboten und mit inhaltlich immer bedenklicheren Beeinflussungs-Strategien. Konsequenz: Einstellungswandel in Richtung medikamenten-gesteuertes Genusserleben durch Arzneimittel: „schnell konsumierbare Gesundheit", „pharmakogene (medikamenten-bedingte) Fitness", „medikamenten-abhängige Wellness" u. a. Damit medikamentöse Befindlichkeitssteuerung ohne medizinische Notwendigkeit und vor allem mühsame Eigenleistung.

 

Einschneidende biographische Lebensereignisse (life-events)

wobei der Schweregrad immer individueller und damit schwerer abstufbar wird: von veränderten Schlafgewohnheiten über emotional belastende Zeiten („Weihnachtsdepression") bis zu Berentung („Pensionierungsschock"), Trennung oder Tod eines nahestehenden Menschen usw. Dazu kommen noch bestimmte, ggf. abhängigkeits-gefährliche Altersstufen wie Adoleszenz (Heranwachsende), Lebensmitte (Wechseljahre, Beginn des Rückbildungsalters) und schließlich das höhere Lebensalter. Und natürlich die beiden Extreme: Arbeitslosigkeit oder -stress.

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Familiäre Häufung:

Genetische (Erb-)Aspekte und familiäre Vorbild-Funktionen im negativen Sinne sind bei Alkoholkrankheit, aber auch Nikotin-Sucht, Beruhigungs- und Schlafmittel-Abhängigkeiten häufig anzutreffen (zuletzt eine Kombination aus biologischer Basis, individueller Disposition (Neigung), Nachahmungsverhalten und gesellschaftlicher Bahnung).

 

Frauen-typische Ursachen:

mit den beiden Schwerpunkten Berufsarbeit und Familien-Anspruch. Einzelheiten siehe spezielle Literatur. Dabei sollte man nicht nur von Überforderung und Doppel-Belastung ausgehen, sondern auch von einem Faktor, der gerne vergessen wird, aber in einem Satz zusammengefasst werden kann: Die Frau soll eine überdurchschnittliche emotionale (!) Versorgungsarbeit in der Familie leisten, nur für sie selber steht niemand zur Verfügung (Erschöpfung nach einem endlosen Prozess des Gebens und Vermittelns).

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Freiverkauf in der Apotheke:

wachsende Selbstmedikation mit freiverkäuflichen Arzneimitteln, die zur süchtigen Entgleisung geeignet sind (Appetitzügler/Schlankheitsmittel, Abführmittel, koffeinhaltige Schmerzmittel, alkoholhaltige Hustenmittel oder „Gesundheitstropfen" usw.).

 

Hersteller:

noch immer nicht ausreichend aktuelle, fundierte (und selbstkritische) Informationen. Dafür verklausulierte Darstellungen in den Werbebroschüren, selbst für die Ärzteschaft. Mitunter sogar unseriöse oder gar (unbewusst?) irreführende Werbeaussagen, vor allem bei „Informationen", die für die Allgemeinheit bestimmt sind (kritische Kommentare und Fachblätter liest niemand!). Dürfte sich im kommenden Konkurrenzkampf noch verstärken.

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Iatrogene Aspekte (ärztliche Ursachen) in Stichworten:

unzureichendes Informations-Bemühen („Stress"), ungenügender Einsatz nicht-medikamentöser Beruhigungs-, Schlaf- und sonstiger Hilfen; wenig Motivation/Zeit für psychotherapeutische Zuwendung oder soziotherapeutische Korrekturversuche; nicht selten zu rasche Medikation von Beruhigungs-, Schlaf- und Schmerzmitteln ohne entsprechende Alternativen (Wahl-Möglichkeiten) zu suchen; Gefahr der unkritisch wiederholten Rezeptierungen („Verordnungsautomatie"). Wenig Motivation/Zeit den inzwischen abhängig Gewordenen gemeinsam aus seiner Notsituation herauszuführen.

 

Gegen-Argumente der betroffenen Ärzte:

Aus-, Weiter- und Fortbildung in diesen Punkten unzureichend (aber auch nicht ausreichend genutzt); hilfreiche Fachliteratur zu kompliziert und vor allem zu wenig praxisbezogen und selten auf die Bedürfnisse des realen Alltags zugeschnitten; abhängige Patienten gehören zur schwierigsten Klientel (Kundschaft), die einem Arzt in Klinik und Praxis aufgebürdet werden kann. – Selten zugegebener, aber derzeit immer bedrängenderer Faktor: Konkurrenzkampf („wenn ich es nicht mache, macht es der Kollege…").

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Indikations-Lyrik:

ironische Bezeichnung für eine wachsende Zahl von Heilmittelanzeigen durch die Hersteller zur optimalen Vermarktung eines Wirkstoffs bis hin zu Befindlichkeitsschwankungen. Stichworte: Stimmungsschwankungen, Antriebsstörungen, nervöse Reiz-, Überforderungs- und Erschöpfungszustände, emotional bedingte Schlaf- und funktionelle Organ-Störungen, leichtere vegetative und psychosomatisch interpretierbare Beeinträchtigungen, Merk- und Konzentrationsschwäche usw. Und das alles in sanften Argumentierhilfen zur entlastenden Selbst-Entschuldigung („so ist es", „da steht es ja genau…").

 

Kinder, Jugendliche und Heranwachsende:

geraten immer früher und häufiger in den bekannten Stress-Sog, an dem sie selber (und ihre Eltern) nicht unbeteiligt sind. Folge: Verhaltensauffälligkeiten, Wunschspirale mit unrealistischem Anspruchsniveau, Unfähigkeit zum Verzicht, Arbeitsstörungen, insbesondere durch Merk- und Konzentrationseinbußen (Stichworte: Fernsehkonsum, Computer-Sucht), schließlich vegetative, funktionelle und zuletzt sogar schmerzbetonte Beeinträchtigungen mit schulischer Minderleistung, törichten Behandlungsansprüchen und ggf. medikamentösem Ersatz für pädagogische Mängel (der Eltern und nicht der Lehrer!) und damit selbst zu verantwortender Überforderung. Zuletzt Gefahr der „Pharmakologisierung" („nur Medikamente") angeblich auffälligem kindlichen Verhaltens oder von Leistungseinbußen ohne adäquate fachärztliche Diagnose (Kinder- und Jugendpsychiater!) und erst einmal empfohlenen nicht-medikamentösen Therapieversuchen

 
 
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Autor Prof. Dr. med. Volker Faust