Kaufsucht

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Heutzutage hat keiner genug, weil jeder zuviel hat

 KAUFRAUSCH

Eine moderne Impulshandlung?

Eines der charakteristischen Phänomene unserer Zeit scheint ein phasenweise ungezügeltes, zumindest aber unbesonnenes Kaufverhalten zu werden. Wahrscheinlich handelt es sich um eine „Ventil-Funktion“ für Probleme verschiedenster Art, vergleichbar den Drang- oder Impulshandlungen, wie sie schon bisher in den Lehrbüchern der Psychiatrie aufgeführt wurden.

Impulshandlungen oder Dranghandlungen sind überwältigend durchschlagende, unbesonnene Handlungen als Folge eines unsteuerbaren Drangs, dem man sich nur schwer widersetzen kann. Die wichtigsten Impulshandlungen sind die Kleptomanie, der krankhafte Stehltrieb, die Pyromanie, das krankhafte Feuerlegen, die Trichotillomanie, das ständige Ausreißen des eigenen Haares, das pathologische Spielen, die plötzlichen explosiven Gewalttaten, der Sammeltrieb von sinnlosen Gegenständen, die Poriomanie, das plötzliche Weglaufen und meist ziellose Umherirren und die Dipsomanie, die periodisch auftretende Trunksucht bei Menschen, die ansonsten nicht zu den chronischen Alkoholkranken zählen.

Kennzeichnend ist ein zwanghafter oder gar suchtähnlicher Drang, der trotz partnerschaftlicher, familiärer, nachbarschaftlicher, beruflicher, finanzieller oder gar juristischer Konsequenzen nicht zu bremsen ist.

Der Kaufrausch, Kaufzwang, das zwanghafte Konsumverhalten oder die „Kauforgie“ gehören (noch) nicht zu den Impulshandlungen, jedenfalls nicht laut psychiatrischer Lehrbücher. Sie werden aber wohl eines Tages in diese Kategorie aufgenommen, und zwar dann wohl als die zahlenmäßig bei weitem häufigste Impulshandlung.

Tatsächlich überkommt schon heute viele, sogenannte „klinisch gesunde“ Mitbürger beiderlei Geschlechts immer öfter ein fast anfallsweise auftretender Kaufdrang. Sie werden plötzlich unruhig und brechen dann zu wahren Einkaufsorgien auf. Manche überziehen dabei ihr Konto, andere verschulden sich sogar ganz erheblich. Man schätzt, dass es jeden 20. Bundesbürger trifft, also Millionen Menschen. Dabei handelt es sich nicht nur um eine „typisch weibliche Eigenheit“, denn es belastet auch immer häufiger Männer.

Verlauf und Krankheitsbild

Der Ablauf scheint immer der gleiche: In dem Betroffenen wächst nach und nach das Gefühl eines unentrinnbaren inneren Zwangs. Nichts anderes kann ihn mehr befriedigen. Schließlich muss er diesem Drang nachgeben, und zwar immer häufiger und ggf. kostspieliger. Kann der Kaufsüchtige nicht mehr kaufen, stellen sich Beschwerden oder – wenn man so will – Entzugserscheinungen ein. Diese können bis zu körperlichen Abstinenzsymptomen gehen, meist im Sinne von „irgendwie unwohl, wenn nicht gar krank“.

Mitunter tritt der Kaufrausch auch phasenweise auf. Viele bevorzugen jedoch – sofern sie sich noch steuern können – Zeiten, in denen ihr dranghaftes Verhalten nicht so auffällt: Schlussverkauf, Sonderverkauf, Vorweihnachtszeit usw. Andere können sich aber nicht mehr zurückhalten. Sie werden mitgerissen, ob in unauffälliger oder weniger günstiger Zeit.

Ursachen und Hintergründe

Für viele hat der dranghafte Kaufimpuls offenbar eine „Ventil-Funktion“ für Probleme aller Art. Dem kommt nicht zuletzt unsere moderne, konsumorientierte Weltanschauung entgegen, mit der ja bereits Kinder konfrontiert werden („Spielzeug statt Zuwendung, Geld statt Lob“). Die raffinierte Werbung tut das ihre.

„Heutzutage hat keiner genug, weil jeder zuviel hat“  (K. H. Waggerl).

Nicht selten sind es aber auch partnerschaftliche, familiäre, nachbarschaftliche, berufliche und sonstige Probleme, die nicht gelöst, sondern durch einen Kaufzwang mit anschließender Kaufbefriedigung neutralisiert werden sollen („man gönnt sich ja sonst nichts“).

Nicht wenige Kaufsüchtige zeigen aber auch eine verstärkte Anfälligkeit für depressive Verstimmungen, wirken auf jeden Fall unzufrieden, resigniert, ja verbittert und leiden unter einem labilen Selbstwertgefühl. Häufig kann man auch beobachten, dass Kaufsüchtige das „zwanghaft Zusammengekaufte“ rasch wieder verschenken, an Familienmitglieder, Freunde, Kollegen oder Vorgesetzte. Hier wird dann nicht gekauft, um sich selber eine Freude zu bereiten, sondern um sich die Zuneigung anderer zu sichern.

Was kann man tun?

Eine gezielte Therapie des Kaufzwangs gibt es (noch) nicht, jedenfalls nicht offiziell. Wenn, dann bestünde sie am sinnvollsten in einem Gesamt-Behandlungsplan, wie bei allen anderen seelischen Störungen auch. Der setzt sich zusammen aus Psychotherapie (gesprächs- oder verhaltenstherapeutisch bzw. psychoanalytisch orientiert), aus soziotherapeutischen Korrekturen und Hilfen, aus Selbstmanagement und Familienberatung – und vielleicht eines Tages sogar aus einer medikamentösen Behandlung. Letzteres leuchtet zwar kaum ein, doch das kann sich ändern. Denn auch die Angst- und Zwangsstörungen und eine Reihe der übrigen Impulshandlungen sprechen zum Teil sehr gut auf jene Antidepressiva an, die z.B. den Botenstoff Serotonin in bestimmten Strukturen des Gehirns regeln. Das spricht dann für eine biologische Komponente, auch für den Kaufrausch, zumindest in seiner extremsten Form. Für die anderen Impulshandlungen scheint dies bereits eine gängige Hypothese zu sein. Auf jeden Fall sollte man im Rahmen eines Gesamt-Behandlungsplans den biologischen, also den medikamentösen Aspekt nicht völlig vernachlässigen.

Vor allem aber gilt es, sich selbstkritisch zu fragen, ob man zu den Kaufrausch-Betroffenen gehört. In leichteren Fällen braucht es erst einmal keine andere Maßnahme, als die konsequente Eigenkontrolle. In mittelschweren sollte man sich schon überlegen, ob man einen Arzt und später ggf. Psychotherapeuten (Psychiater, Psychologen) hinzuzieht. Denn schwere Fälle haben auch ein schweres Los. Ihre Kauf-Orgien sind kein genüssliches Shopping mehr, vergleichbar einem Alkoholiker, dem auch nicht mehr die herkömmliche Freude an einem Glas Wein vergönnt ist.

 

Quelle:

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