Arzneimittelverbrauch

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Voltaire

Ärzte geben Medikamente, von denen sie wenig wissen, in Menschenleiber, von denen sie noch weniger wissen, zur Behandlung von Krankheiten, von denen sie überhaupt nichts wissen.

 

 

Arzneimittelverbrauch in Deutschland

Millionen sind süchtig

Wer ist abhängig?

Definition Missbrauch

Abhängigkeit

psychische Abhängigkeit

Körperliche Abhängigkeit

Toleranzentwicklung

 

Millionen sind süchtig

Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren waren im Jahr 2000 rund 4,5 Millionen Deutsche von Alkohol, Tabletten oder illegalen Drogen wie Heroin abhängig. Weitere 28 % der über 15jährigen rauchen. Spitzenreiter der Suchtstoffe ist nach dem Nikotin der Alkohol, 2,7 Millionen Deutsche missbrauchen Alkohol, fast die Hälfte davon, 1,5 Millionen, ist abhängig. Weit vor der Gruppe der Drogensüchtigen mit geschätzten 250 000 bis 300 000 Abhängigen rangieren die Medikamentenabhängigen. Etwa 1,5 Millionen Bundesbürger oder knapp 2 % der Bevölkerung haben trotz fehlender medizinischer Begründung das zwanghafte Bedürfnis ein bestimmtes Medikament ständig einzunehmen. Zahlen, die zum Nachdenken anregen und sicher den ein oder anderen befremden. So viele Medikamentenabhängige soll es geben?

Im Folgenden werde ich Ihnen die wichtigsten Arzneimittelgruppen erläutern, die missbräuchlich verwendet werden. Doch zuvor einige generelle Anmerkungen

Wer ist abhängig?

Der Arzneimittelkonsum und -missbrauch ist alters- und geschlechtsabhängig. So gehen mehr als 80 % der Langzeitverordnungen an Patienten über 55 Jahre. Zwei Drittel aller Medikamente mit Abhängigkeitspotential werden Frauen verordnet. Nicht alle Ärzte verordnen diese Arzneimittel gleich häufig, so wird die Hälfte aller Schlaf- und Beruhigungsmittel von 10 % der Ärzte verordnet.

Im Alter werden viele Arzneimittel langsamer abgebaut und ausgeschieden, daher wirken sie länger und stärker. Die Folge einer Beruhigungsmittelgabe können bei Senioren beispielsweise Unfälle mit Knochenbrüchen sein, da die Wirkung noch am nächsten Morgen anhält. Frauen neigen eher zur Medikamentenabhängigkeit als Männer. Mögliche Ursachen: Frauen gehen häufiger zum Arzt und Medikamente als „unauffällige“ Drogen kommen ihrem typischen Suchtverhalten entgegen. Männer hingegen greifen eher zur Flasche als zur Pillendose. Beruhigungsmittel werden doppelt so häufig an Frauen als an Männer verordnet, Aufputschmittel dagegen häufiger an Männer. Das passt zum Rollenbild der Geschlechter: zum „aktiven“ Männerbild passt es nicht, gedämpft zu sein, während es mit dem „passiven“ Frauenbild nicht harmonisiert, „gepusht“ zu sein.

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Definition Missbrauch

Bevor ich mich diesen Begriffen zuwende, möchte ich jedoch noch eine Unterscheidung treffen zwischen individuellem Missbrauch und Überkonsum von Arzneimitteln. Eine Ursache für einen Überkonsum ist der modifizierte Gesundheitsbegriff. Gesundheit ist demnach nicht nur die Abwesenheit von Krankheit, sondern ein mehr oder weniger genau umrissenes Gefühl des Wohlbefindens. Auch die Beeinflussung durch die Medien und Werbung muss hier berücksichtigt werden. Auf diese gehe ich später noch einmal ein.

Unter Missbrauch versteht man die übermäßige, regelmäßige oder sporadische Verwendung eines Arzneimittels, die vom medizinischen Standpunkt nicht erforderlich ist. Schon Paracelsus wusste: Die Dosis macht das Gift. Arzneimittelmissbrauch ist im Sinne der hier verwendeten Definition nicht nur in Bezug auf die Dosis zu sehen, sondern auch in Bezug auf die therapeutische Indikation. So kann bei einer bestimmten Erkrankung die Einnahme eines Arzneimittels notwendig sein, während sie unter anderen Bedingungen missbräuchlich ist. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen: ein Krebspatient mit starken Schmerzen bekommt Morphin verabreicht, dies ist eine korrekte, der Verordnung entsprechende Einnahme. Eine Morphineinnahme bei weniger starken Schmerzen oder ohne Schmerzgefühl ist dagegen Missbrauch. Aber auch ein Krebspatient, der die ihm verschriebene Morphindosis eigenmächtig verdoppelt, handelt missbräuchlich. Missbrauch ist also jegliche Anwendung eines Arzneimittels über seinen Anwendungs- und Dosierungsbereich hinaus.

Missbrauch bedeutet noch keine Abhängigkeit, ist aber oft die Vorstufe dazu. Die Substanz wird aus einem bestimmten Grund wiederholt missbraucht: Abführmittel und Appetithemmer beispielsweise für eine erwünschte Gewichtsreduktion. Der Übergang vom wiederholten Missbrauch zur Abhängigkeit kann fließend sein.

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Abhängigkeit

Arzneimittelabhängigkeit ist ein präziser Begriff, der durch das Auftreten bestimmter körperlicher und seelischer Störungen gekennzeichnet ist. Individueller Missbrauch muss nicht zwangsläufig zur Abhängigkeit führen!

Charakteristisch für eine Abhängigkeit ist der starke Wunsch, den Effekt einer wirksamen Substanz immer wieder zu erleben, sie also immer wieder zu sich zu nehmen. Die Abhängigkeit entsteht durch die gelegentliche oder dauerhafte Einnahme einer pharmakologisch wirksamen Substanz – ob Arzneimittel, Nikotin, Alkohol oder illegale Drogen.

Die Weltgesundheitsorganisation, abgekürzt WHO, hält wegen der fließenden Übergänge zwischen körperlicher und seelischer Abhängigkeit den Oberbegriff der Pharmakonabhängigkeit (drug dependence) für geeigneter.

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psychische Abhängigkeit

Die psychische Abhängigkeit wird durch das Verlangen ausgelöst, ein bestimmtes Arzneimittel regelmäßig einzunehmen, um dadurch in einen euphorischen Zustand zu gelangen. Ein Absetzen des betreffenden Medikamentes führt nicht zu körperlichen Entzugserscheinungen. Auch ist die Tendenz zur Dosissteigerung nicht oder nur gering vorhanden. Ein Stoff macht um so eher seelisch abhängig, je rascher er wirkt, weil dadurch der Zusammenhang zwischen Einnahme und Wirkung eher deutlich und positiv erfahrbar ist. Daher ist das Abhängigkeitspotential von injizierten Stoffen höher als von Substanzen in Tablettenform.

Eine Abhängigkeit von „Nichtstofflichem“ wie Shopping, Internet oder Glücksspiel ist möglich. Dieser Vortrag beschäftigt sich nur mit Medikamentenabhängigkeit als einer „stofflichen“ Abhängigkeit.

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Körperliche Abhängigkeit

Die körperliche oder physische Abhängigkeit dagegen ist durch das Auftreten von körperlichen Entziehungssymptomen nach dem Absetzen gekennzeichnet. Beispiele für Entzugssymptome sind Schwitzen, Zittern, Magen-Darm-Krämpfe, Herz-Kreislauf-Beschwerden bis hin zum Kollaps, Schlafstörungen, Unruhe und Nervosität, manchmal auch Halluzinationen. Die Unterscheidung zwischen Entzugssymptomen und Krankheitssymptomen ist oft schwierig. Beispielsweise bei einem Entzug von Schlafmitteln kommt es zu Unruhe und Schlaflosigkeit – genau jene Symptome also, die zum Griff zur Schlaftablette geführt haben.

Auch Substanzen ohne psychische Wirkungen können zu einer körperlichen Abhängigkeit führen, Beispiele hierfür sind Nasentropfen oder Abführmittel.

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Toleranzentwicklung

Von Gewöhnung oder Toleranzbildung spricht man, wenn die gleiche Wirkung eines Arzneistoffes bei wiederholter Einnahme nur durch erhöhte Dosen erreicht werden kann. Wenn sich eine Toleranz entwickelt, reagiert der Körper auf eine Substanz schwächer als vor der wiederholten Einnahme. Toleranz kann unterschiedlich entstehen: die Anzahl der Zielstrukturen im Körper, auch „Rezeptoren“ genannt, kann steigen, dann wird mehr Substanz gebraucht um alle Ziele zu aktivieren. Oder die Ziele werden unempfindlicher und geben trotz Aktivierung ein schwächeres Signal weiter. Einen andere Ursache kann im verstärkten Abbau der wirksamen Substanz durch den Körper liegen.

Sucht schließlich ist laut WHO ein Zustand periodischer, das heißt immer wiederkehrender, oder chronischer Vergiftung durch wiederholte Verwendung des Wirkstoffs. Sie wird charakterisiert durch den fast zwanghaften Drang zur Einnahme eines bestimmten Mittels, eine Tendenz zur Dosissteigerung und die seelische und oft auch körperliche Abhängigkeit. Prinzipiell ist Sucht nicht gleichbedeutend mit körperlicher Abhängigkeit. Auch nichtstoffliche Dinge wie Arbeit oder Glücksspiel können süchtig machen, andererseits kann sich der Körper an die Zufuhr von Abführmitteln gewöhnen ohne „süchtig“ zu werden. Daher ist diese Definition ungenauer als die vorherigen, der Begriff „Sucht“ wird daher in wissenschaftlichen Zusammenhängen nur noch selten verwendet.

 

Quelle:
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Dr. Ursula Sellerberg
in der Homepage der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände.
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